Resilient wirtschaften.
Die Informatik ermöglicht das Wirtschaften, wie wir es heute kennen. Sie ist jedoch gleichsam Treiber einer Entwicklung, die unseren Wertekompass auf die Probe stellt und uns alle fordern wird. Durch unsere vielfältige Fachexpertise können wir jedoch diesen Herausforderungen mit Zuversicht entgegnen und uns damit resilienter aufstellen.
„Wir müssen nicht Dritter im Rennen der anderen werden“
Ina Schieferdecker und Christine Regitz haben gemeinsam die Initiative Software-defined Germany ins Leben gerufen, denn sie glauben daran, dass Deutschland das Zeug hat in Sachen Künstliche Intelligenz vorne mit dabei zu sein. Gleichzeitig ist die Initiative ein Weckruf, denn um das Wertschöpfungspotenzial von Software auszuschöpfen, gibt es jetzt dringenden Handlungsbedarf.
Offener Austausch
Der Wirtschaftsbeirat der Gesellschaft für Informatik ist ein Forum des Austauschs bedeutender Persönlichkeiten aus der IT-Wirtschaft und Sounding Board für den Vorstand und die Geschäftsführung der GI. Die Mitglieder des Beirats fungieren in erster Linie als Impuls- und Ideengeber*innen in der größten Informatik-Community im deutschsprachigen Raum.
Alle Infos gibts hier: wirtschaft.gi.de
„Diversität ist für die Informatik zentral”
Dass Frauen in der IT-Branche oft auf Hindernisse stoßen, ist bekannt. Doch was braucht es, damit sie nicht nur einsteigen, sondern auch langfristig erfolgreich mitgestalten? Dieser Frage widmet sich das Projekt Tech2stay, an dem auch die GI beteiligt ist. Im Interview gibt Prof. Dr. Nicola Marsden Einblicke in die Arbeit des Teams.
Starke Software für technologische Souveränität
Vier Mal im Jahr tagt der GI-Wirtschaftsbeirat, ein Thema dominierte besonders: Wie sichern wir den Wirtschaftsstandort Deutschland angesichts wachsender digitaler Abhängigkeiten? Mit Gästen aus Politik und GI-Vorstand rückte die Softwarebranche in den Fokus. Große Unterstützung fand das Vorhaben, Software industriepolitisch als Kern der Wertschöpfung zu verankern und KI-basiertes Software-Engineering souverän zu gestalten, wie in einem Policy Brief dargelegt.
Der Wirtschaftsbeirat entwickelt Vorschläge für mehr wirtschaftliches Gewicht in der GI und vereint Persönlichkeiten aus IKT-Wirtschaftsorganisationen.
Wie sicher sind unsere Router?
Router sind Ziel von Cyberkriminalität und staatlich gesteuerten Cyberangriffen. Ein neuer GI Policy Brief zeigt, wie Deutschland seine Souveränität bei kritischer Netzwerktechnik sichern kann. Laut einer Studie der GI von Juni 2026 enthalten die Small Office/Home Office Router der führenden außereuropäischen Hersteller auffällig viele Sicherheitslücken, die nicht behoben werden, während der untersuchte europäische Routerhersteller ein wesentlich höheres Sicherheitsniveau aufweist.
„Wir müssen nicht Dritter im Rennen der anderen werden“
Ina Schieferdecker und Christine Regitz haben gemeinsam die Initiative Software-defined Germany ins Leben gerufen, denn sie glauben daran, dass Deutschland das Zeug hat in Sachen Künstliche Intelligenz vorne mit dabei zu sein. Gleichzeitig ist die Initiative ein Weckruf, denn um das Wertschöpfungspotenzial von Software auszuschöpfen, gibt es jetzt dringenden Handlungsbedarf.
Interview: Julia Meisner-Dieffendahl, Magdalena Prettenthaler
Ina, du hast zusammen mit Christinedie Initiative „Software-defined Germany“ gestartet, worum geht es dir dabei besonders?
Ina Schieferdecker: In Deutschland wird Software nach wie vor unterschätzt. Denn wenn man bedenkt, dass neun der zehn wertvollsten Unternehmen aus der Tech-Branche kommen, muss man anerkennen: Software ist der Kern unserer Wertschöpfung. Sie ist längst nicht mehr nur Technologie im Hintergrund, sondern eine zentrale Infrastruktur unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Deshalb müssen wir Software Engineering als Kernkompetenz ausbilden und Software systematisch in Produkte und Prozesse integrieren. Dabei ist Software gleichzeitig als eigenständiges Produkt und als Infrastruktur zu denken.
Christine, was war denn für dich der Weckruf, die Initiative, gerade jetzt zu starten?
Christine Regitz: Der Auslöser war für mich der Tag der Industrie 2025. Denn da hat Bundeskanzler Merz von einem Treffen mit Jen-Hsun Huang, CEO von NVIDIA, berichtet. Dieser soll ihm gesagt haben, „Ihr Deutschen, ihr könnt Software nicht wirklich gut. Software ist ein chaotisches System, ständig voller Fehler, nie perfekt, das könnt ihr Deutschen nicht!“. Friedrich Merz hatte dem CEO zugestimmt. Und ich bin der festen Überzeugung, er hat Unrecht. Ich glaube, dass Software eine große Chance für Deutschland ist. Wir müssen nur anfangen, Software und Hardware zusammenzudenken.
Wie können Unternehmen das Potenzial von Software nutzen?
CR: Software darf nicht nur als einzelne technische Komponente verstanden werden – also nicht wie ein Rad oder ein anderes Bauteil, das man entwickelt, zukauft und anschließend verbaut. Ihr eigentliches Potenzial entsteht dort, wo Unternehmen Produkte, Services und Geschäftsmodelle durch Software neu denken. Und genau deshalb ist das keine Aufgabe der IT-Abteilung, sondern eine strategische Frage für die Führungsspitze: Wie wollen wir uns als Unternehmen weiterentwickeln – und welche Rolle spielt Software künftig für Wertschöpfung und Differenzierung?
Was ist das Potenzial von Software für die Forschung?
IS: Es ist ebenso transformativ wie das für die Wirtschaft. Software verändert die Forschung in mindestens zwei Dimensionen: zum einen durch die wachsende Bedeutung von Forschungsdaten, zum anderen durch neue, softwarebasierte Methoden des Forschens. Daten waren in der Forschung schon immer zentral. Aber digitale Modelle und Simulationen ermöglichen heute eine Komplexität, Präzision und Skalierung, die vor 50 Jahren undenkbar gewesen wären. Mit generativer und zunehmend agentischer KI kommt eine weitere Dimension hinzu: Forschungsdaten, Modelle und Ergebnisse können in großem Maßstab automatisiert analysiert, miteinander verknüpft und ausgewertet werden. Software wird damit nicht nur zum Werkzeug der Forschung, sondern zunehmend selbst zur wissenschaftlichen Methode.
Wenn KI künftig das Coden übernimmt, laufen wir nicht Gefahr, dass Nachwuchskräfte die Grundlagen gar nicht mehr erlernen? Welchen besonderen Anforderungen muss die Ausbildung im Zeitalter von KI gerecht werden?
IS: Coden ist nicht die Hauptaufgabe von Softwarentwickler*innen. KI beschleunigt nur die Automatisierungstendenz, an der die Disziplin seit Jahrzehnten arbeitet. Die eigentliche Verantwortung liegt zunehmend darin, Anforderungen präzise zu verstehen und zu formulieren, gute Architekturen und nutzerzentrierte Lösungen zu entwerfen und Qualität, Sicherheit und Zuverlässigkeit sicherzustellen. Muss man trotzdem noch coden können? Ja, aber vor allem, um die Logik und die Grenzen von Software grundsätzlich zu verstehen. In der Ausbildung müssen wir deshalb insbesondere das „algorithmische Denken“ als Grundkompetenz vermitteln, vergleichbar mit dem Alphabet beim Lesen und Schreiben. Darüber hinaus brauchen wir eine breitere Systemkompetenz.
Was heißt das?
IS: Menschen müssen beurteilen können: Welches Problem lässt sich durch Software lösen, welches durch Hardware? Was kaufen wir als Standardlösung, was entwickeln wir selbst? Welche Architektur ist angemessen? Und vor allem: Wie gestalten wir ein digitales System so, dass es tatsächlich einen Nutzen für Menschen und Organisationen schafft? Die entscheidende Kompetenz der Zukunft ist daher nicht Coden, sondern digitale Systeme verstehen, gestalten, bewerten und verantworten zu können.
Über 80 Prozent der deutschen Unternehmen fühlen sich von außereuropäischen Software- und KI-Plattformen abhängig. Ist der Zug für eine echte digitale Souveränität Europas bei leistungsstarken KI-Modellen nicht längst abgefahren, Christine?
CR: Die USA waren schneller, und auch China investiert mit enormer Geschwindigkeit. Diesen Wettlauf um immer größere General-Purpose-Modelle werden wir in Europa kaum gewinnen, müssen wir aber auch nicht. Europa hat eigene Stärken. Das Konzept Industrie 4.0 kommt aus Deutschland und wir verfügen über etwas, das für industrielle KI entscheidend ist: tiefes Domänenwissen und wertvolle Daten aus unseren Industrien. Und mit Initiativen wie der Nationalen Forschungsdateninitiative (NFDI) zeigen wir, dass wir Forschungsdaten über Disziplinen und Institutionen hinweg systematisch organisieren und nutzbar machen können. Gerade bei Small Language Models und spezialisierten, domänenspezifischen KI-Modellen kann Europa punkten. Wir müssen nicht Nummer drei im Rennen der anderen werden, sondern dort führen, wo wir eigene Stärken haben.
Wie kann man bei euch mitmachen?
IS: Indem aus dem Weckruf konkretes Handeln wird. Wir sind dazu in verschiedenen Gesprächen und werden euch über die nächsten Schritte informieren. Gleichzeitig suchen wir Menschen und Organisationen, die Ideen einbringen, eigene Aktivitäten anstoßen oder gemeinsam mit uns etwas bewegen wollen. Der beste Weg mitzumachen: Sprecht uns an.

Prof. Dr. Ina Schieferdecker
ist seit 2008 Mitglied der GI und aktuell Mitglied des Vorstands. Darüber hinaus ist sie insbesondere in den Fachgruppen Kommunikation und Verteilte Systeme und Test, Analyse und Verifikation von Software aktiv sowie Mitglied des Beirats der Universitätsprofessor*innen. Sie war unter anderem Co-Institutsleiterin im Bundesforschungsministerium, hat eine Honorarprofessur zu Software-basierten Innovationen von der TU Berlin inne, ist Mitglied der acatech und war Co-Gründungsdirektorin des Weizenbaum-Instituts für die vernetzte Gesellschaft.

Christine Regitz
war vier Jahre lang Präsidentin der GI. Als Past President hat sie die Initiative Software-defined Germany gegründet und treibt diese zusammen mit Ina Schieferdecker voran. Zuvor war sie unter anderem Global Head of Women in Tech@SAP sowie Mitglied des Aufsichtsrats der SAP SE.
Neugierig?
Mehr über das Projekt und die aktuellen Aktivitäten gibts auf der Website:
https://softwaredefinedgermany.de
„Diversität ist für die Informatik zentral”
Der Frauenanteil in IT-Berufen liegt in Deutschland bei knapp 19 Prozent und hat sich in zwölf Jahren kaum verändert. Das Verbundprojekt Tech2stay (Hochschule Heilbronn, Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit, Gesellschaft für Informatik) fragt nicht nur, warum Frauen nicht einsteigen, sondern warum sie gehen. Gefördert durch das BMFTR verbindet Tech2stay empirische Forschung mit Reallaboren in Unternehmen. Erste Ergebnisse zeigen: Frauen berichten in denselben Teams von signifikant geringerer psychologischer Sicherheit als Männer: ein messbarer Unterschied mit direktem Einfluss auf Teamleistung und Verbleib. Prof. Dr. Nicola Marsden gibt im Interview Einblicke in die Arbeit des Projektteams.

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