Wir gestalten die
digitale Gesellschaft.
Technik ist nie völlig neutral und spiegelt die gesellschaftlichen Gegebenheiten und Entwicklungen wider. Deswegen ist die Arbeit mit Technik auch stets eine Frage, wie diese die Gesellschaft prägt, wobei auch kritisch hinterfragt werden muss, wie der derzeitige Stand bereits geprägt wurde.
„Ungleichheiten sind kein Nebenschauplatz“
Für Selcan Ipek-Ugay gehört es zum Kern der Disziplin Informatik, Systeme so aufzustellen, dass sie für alle fair sind. Im Interview spricht sie darüber, warum herkömmliche Diversity-Angebote oftmals zu kurz greifen, wie die Fachgruppe Frauen und Informatik Platz für niederschwelligen Austausch schaffen will und wo sie bei der GI noch Luft nach oben sieht.
Wo sich Informatik und Gesellschaft treffen
In zahlreichen Gremien und Projekten der GI werden gesellschaftliche Fragen verhandelt: von Ethik bis Diversität, von Selbstbestimmung bis Souveränität.
Fachbereich Informatik und Gesellschaft:
fb-iug.gi.de
Gewissensbits: Fallbeispiele zu Informatik und Ethik:
gewissensbits.gi.de
Fachgruppe Frauen und Informatik:
fg-frauen-informatik.gi.de
Mit Sokrates und Platon gegen Desinformation
Welche Gemeinsamkeiten haben populistische Reden heute mit den Auftritten antiker Rhetoriker? Und wie kann künstliche Intelligenz dabei helfen, emotionalisierende Sprachmuster zu erkennen?
Daten spenden für die Medizin der Zukunft
Gute Daten sind entscheidend für eine wirksame Medizin der Zukunft. Doch bilden viele Datensätze die Vielfalt der Gesellschaft nur unzureichend ab. Im Wissenschaftsjahr 2026 macht die mobile Ausstellung Blind Spots sichtbar, warum Daten so wichtig für Vorsorge, Diagnose und Behandlung sind. In interaktiven Gemälden erzählt das Projekt Geschichten aus der Medizin und stellt Besuchende vor die Frage: Bist du bereit, deine Daten zu geben?
Daten- und KI-Kompetenz für die Zivilgesellschaft
Das Civic Data Lab (CDL) stärkt zivilgesellschaftliche Organisationen und unterstützt sie bei der Nutzung und Weiterentwicklung von datengetriebenen Lösungen und KI-Anwendungen. Von Vibe Coding über Datenvisualisierung bis zu Datenmanagement und KI-Kultur werden Themen adressiert, die für die Digitalisierung der Zivilgesellschaft essentiell sind. Hierfür bietet das CDL Formate, die so vielfältig sind wie die Zivilgesellschaft selbst: Niedrigschwellige Beratungsangebote, Austausch in der Community, Anleitungen für den Einsatz von Tools, Online-Kurse, Workshops. Die wichtigsten Erkenntnisse werden im Blog und in Social Media geteilt und in White Papern für Entscheider*innen aufbereitet.
„Ungleichheiten sind kein Nebenschauplatz“
Für Selcan Ipek-Ugay gehört es zum Kern der Disziplin Informatik, Systeme so aufzustellen, dass sie für alle fair sind. Im Interview spricht sie darüber, warum herkömmliche Diversity-Angebote oftmals zu kurz greifen, wie die Fachgruppe Frauen und Informatik Platz für niederschwelligen Austausch schaffen will und wo sie bei der GI noch Luft nach oben sieht.
Interview: Alexandra Resch
Welche Schwerpunkte hat sich die Fachgruppe Frauen und Informatik für das kommende Jahr vorgenommen, und warum?
Inhaltlich rücken wir Machtstrukturen und Ungleichheiten in sozioinformatischen Systemen in den Mittelpunkt. Das ist kein Nebenschauplatz der Informatik, sondern Kern unserer Disziplin: Systeme, die über Bewerbungen, Sichtbarkeit oder Zugang mitentscheiden, schreiben bestehende Ungleichheiten fort, wenn niemand sie prüft. Der zweite Schwerpunkt richtet sich nach innen.
Inwiefern?
Intersektionalität fordern wir nicht nur ein, wir stellen den Anspruch auch an uns selbst: Wie werden wir diverser, und wie erreichen wir Frauen, die mehrfach marginalisiert sind und sich von unseren Angeboten bisher vielleicht gar nicht angesprochen fühlen? Zudem starten wir noch dieses Jahr ein neues Format. Parallel zu unserem etablierten digitalen „getTogether" wird es künftig „TechTogether" geben: Frauen aus der Fachgruppe stellen ein technisches Thema vor, für das sie brennen und geben es an Interessierte weiter. Fachlichkeit und Vernetzung in einem.
Wie bist du eigentlich selbst zur GI gekommen?
Über eine Kollegin. Bevor ich den Ruf an die Berliner Hochschule für Technik angenommen habe, war ich in meiner Elternzeit Vertretungsprofessorin im Frauenstudiengang Informatik und Wirtschaft an der HTW Berlin. Dort meinte Professorin Juliane Siegeris, dass ich mit meinen gesellschaftlichen und Forschungsinteressen sehr gut in die Fachgruppe passen würde, und schickte mir den Link zur Jahrestagung, die pandemiebedingt digital stattfand. Ich habe mich für die Tagung angemeldet, teilgenommen und bin seitdem aktives Mitglied geblieben. Manchmal braucht es genau diesen einen Hinweis von jemandem, der einen mitdenkt. :)
Was war dein Highlight im vergangenen Jahr mit Blick auf dein Engagement innerhalb der GI?
Ganz klar die Jahrestagung der Fachgruppe in München. Ich durfte als Mitglied des Programmkomitees das Programm mitgestalten und mitorganisieren, zur Frage, wie sich Demokratie trotz oder mit Social Media erhalten lässt. Ein Thema, an dem sich zeigt, wie eng technische Gestaltung und gesellschaftliche Verantwortung zusammenhängen.
Du beschäftigst dich in deiner Forschung viel mit Intersektionalität. Worum drehen sich aktuell die Diskussionen in diesem Feld?
Im Kern darum, dass unsere Gesellschaft längst deutlich vielfältiger ist, als Forschung und daraus abgeleitete Maßnahmen es abbilden. Diversitätsprogramme, Richtlinien und Handlungsempfehlungen arbeiten meist mit sehr groben Kategorien und genau daran scheitern sie. Das ist auch der Befund unseres aktuellen Papers, das wir auf der INFORMATIK 2026 präsentieren dürfen: „One size fits all" funktioniert nicht, weil eine Frau eben nicht gleich eine Frau ist.
Wie seid ihr zu dieser Erkenntnis gekommen?
Wir haben knapp 500 Frauen in der deutschsprachigen IT-Branche befragt und sechs Diversitäts-Dimensionen erfasst, die sich überlagern können: Elternschaft, Migrationsgeschichte, LGBTQ+-Identität, Behinderung oder chronische Erkrankung, Pflegeverantwortung und ein nicht-akademisches Elternhaus. Jede fünfte Befragte vereint mindestens drei dieser Positionen auf sich, und diese Gruppe berichtet von rund 30 Prozent mehr Karrierebarrieren als Frauen mit höchstens einer.
Hast du ein konkretes Beispiel für eine solche Barriere?
Das klassische Mentoring- oder Netzwerkformat findet am späten Nachmittag oder abends statt. Für eine Frau mit Kindern oder mit Pflegeverantwortung ist dieses Angebot schlicht nicht nutzbar. Es steht dann in jeder Diversity-Bilanz, erreicht aber genau die nicht, die es am dringendsten bräuchten. Die Diskussion im Feld verschiebt sich deshalb von der Frage „Gibt es ein Angebot?" hin zu „Für wen ist es überhaupt zugänglich?“.
Was das Thema angeht, gibt es bei der Gesellschaft für Informatik noch Luft nach oben. Wie geht man das am besten an?
Ich würde bei drei Punkten ansetzen. Erstens: Hinschauen, bevor wir handeln. Wir wissen sehr genau, wie hoch der Frauenanteil in unseren Gremien und Programmkomitees ist. Wer darüber hinaus im Raum ist und wer strukturell fehlt, wissen wir nicht. Ohne diese Grundlage bleiben Maßnahmen Vermutungen.
Zweitens: Zugänglichkeit als Gestaltungsfrage behandeln, nicht als Zusatzleistung. Tagungszeiten, Kinderbetreuung, Barrierefreiheit, hybride Teilnahme, Reisekostenzuschüsse für Promovierende ohne Stelle. Das entscheidet konkreter darüber, wer teilnehmen kann, als jedes Leitbild. Hier ist noch viel Luft nach oben.
Drittens: Das Thema gehört nicht allein in die Fachgruppe Frauen und Informatik. Solange Fragen von Bias und Ausschluss dort behandelt werden, bleiben sie ein Sonderthema statt ein informatisches. Fairness in Systemen ist eine Kernfrage unserer Disziplin und sie gehört in die Fachbereiche, die diese Systeme bauen. Dazu kommt etwas, das sich schwerer in Maßnahmen fassen lässt.
Und zwar?
Wir als GI brauchen mehr niederschwellige Formate als das jährliche INFORMATIK Festival. Nicht jede Begegnung der Fachgruppen sollte vielleicht ein Panel sein. Oft entsteht mehr in einem Format, zu dem man ohne Vortrag, ohne Einreichung und ohne Titel einfach dazukommen kann. Genau solche Räume fehlen uns, und sie sind es, in denen Menschen bleiben, statt einmal vorbeizuschauen. Als Fachgruppe setzen wir genau da an. Wir planen gerade unsere Jahrestagung 2027 in Berlin unter dem Titel „Fair by Default? Bias, Machtstrukturen und Ungleichheiten in sozioinformatischen Systemen”. Erstmals wollen wir dabei gezielt Arbeiten junger Wissenschaftlerinnen zeigen, die zu diesen Themen forschen, Intersektionalität eingeschlossen. Uns geht es dabei um mehr als um ein Programm: Junge Frauen sollen auf Frauen treffen, die ein paar Fachsemester weiter sind und der Austausch über Generationen hinweg soll Raum bekommen.
Warum ist das so wichtig?
Role Models entstehen nicht dadurch, dass man sie benennt, sondern dadurch, dass jemand sichtbar wird und jemand anderes denkt, das könnte auch mein Weg sein. Wer früh auf einer Bühne stand und dort ernst genommen wurde, geht anders in die nächste Bewerbung, Promotion oder Berufungsverhandlung.

Selcan Ipek-Ugay
ist Professorin für Softwareentwicklung und Data Science an der Berliner Hochschule für Technik (BHT), Studiengangsleiterin des Masters Medizinische Informatik und Leiterin des Inclusive Tech Lab. In der türkischen Provinz Adana geboren und mit zwölf Jahren nach Deutschland gekommen, studierte sie Medizinische Informatik, promovierte in der Experimentellen Radiologie der Charité und arbeitete anschließend jahrelang als Senior Medical Data Scientist, parallel dazu in verschiedenen Rollen in der Privatwirtschaft, u.a. als Head of Software Development und Head of Business Development.
In der GI ist sie seit 2020 aktiv, im Leitungsgremium der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg sowie im Leitungsgremium der Fachgruppe Frauen und Informatik, dort als stv. Sprecherin und darüber hinaus in den Fachbereichen Digital Health und Medizinische Informatik. Ihr Antrieb: dass Frauen in der Informatik nicht nur ankommen, sondern bleiben.
- Die Fachgruppe Frauen und Informatik freut sich immer über neue Mitglieder: https://fg-frauen-informatik.gi.de
- Konferenzbeitrag „Forschungsvorhaben zur Intersektionalität als Schlüssel zur Förderung und Bindung von Frauen in der IT” in der digitalen Bibliothek der GI
- Das Projekt Tech2stay setzt sich mit der Frage auseinander, was sich ändern muss, damit Frauen nicht nur in die IT gehen, sondern auch dort bleiben: https://www.tech2stay.de
Mit Sokrates und Platon gegen Desinformation
Welche Gemeinsamkeiten haben populistische Reden heute mit den Auftritten antiker Rhetoriker? Und wie kann künstliche Intelligenz dabei helfen, emotionalisierende Sprachmuster zu erkennen?
Text: Ari Pagel, Maja Denisova
Desinformation ist kein neues Phänomen. Schon zu Zeiten von Sokrates und Platon verstanden es geschickte Redner, mit großen Worten und wenig Substanz, die Massen für sich zu gewinnen. Sie setzten auf gezielte Überspitzung und schreckten auch vor Täuschung nicht zurück.
Heute sind uns solche Muster aus Kommentarspalten, Kurzvideos und politischen Talkshows bekannt. Genau hier setzt ein neues Forschungsverbundprojekt ein, welches die rhetorischen Muster der Antike nutzt, um die Desinformation der Gegenwart besser zu verstehen. Auch die Gesellschaft für Informatik ist daran beteiligt.
Die Auswirkungen von Desinformation gehen weit über einzelnes Faktenwissen hinaus, wie Dr. Romy Jaster im Deutschlandfunk Hörsaal darlegt: Desinformation greife nicht nur einzelne Überzeugungen an, sondern untergrabe die Bedingungen, unter denen verlässliches Wissen überhaupt entstehen kann. Wer Desinformation verstehen möchte, müsse deshalb auch die Informationsumgebungen, Vertrauensstrukturen und Kommunikationspraktiken betrachten, in denen sie sich verbreitet.
Diesen Ansatz verfolgt auch DeMasKI: „Desinformation und ihre Muster: Identifikation populistischer Emotionalisierung mit einem hybriden KI-Ansatz“ ist eines von zahlreichen Projekten, die das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt von 2026 bis 2029 fördert, um gesellschaftliche und technologische Resilienz gegen die Gefahren der Desinformation zu stärken.
Im Zentrum stehen emotionalisierende und rhetorische Muster, die sich von der Antike bis in heutige Social-Media-Beiträge und politische Reden nachweisen lassen. Dabei liegt dem Projekt folgende zentrale These zugrunde: Desinformation vermeidet differenzierte Argumentation und ersetzt den offenen Diskurs durch zugespitzte Behauptungen, emotionale Zuschreibungen und wiederkehrende Krisennarrative.
Auf Basis einer manuell entwickelten Merkmalssammlung durch das Team von Prof. Dr. Gyburg Uhlmann an der Technischen Universität Nürnberg, die unter anderem anhand von Texten der Neuen Rechten in Deutschland sowie populistischen Akteuren aus den USA und weiteren Ländern erarbeitet werden, entwickelt das Projektteam der Universität Bamberg unter Leitung von Prof. Dr. Ute Schmid KI-gestützte Verfahren, die solche Muster automatisch erkennen. Dabei verbindet DeMasKI verbindet nachvollziehbare Regeln mit lernenden Modellen. Induktive Logik-Programmierung (ILP) trifft auf neuronale Netze um Muster der Desinformation auch in neuen, bislang unbekannten Kontexten aufspüren zu können. Ein kontinuierliches Ethik-Assessment begleitet die Forschung von Anfang an.
Durch konkrete Formate und Tools werden die Erkenntnisse direkt in die Informatik-Community und Bildungspraxis getragen: Das iRights.Lab entwickelt Materialien für Workshops für die Arbeit von Multiplikator*innen zivilgesellschaftlicher Initiativen und Vereine, der Bildungsverlag eduversum bereitet die Inhalte als Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte auf und auf der Projektwebseite demaski.de stellt die Gesellschaft für Informatik im weiteren Projektverlauf zudem eine Open Source Toolbox mit allen Projektergebnissen für unterschiedliche Zielgruppen bereit.
Wer selbst mitforschen möchte, kann sich schon jetzt den September 2027 vormerken: Auf der INFORMATIK-Jahrestagung lädt die GI zum DeMasKI-Hackathon ein: Interessierte können den aktuellen Stand der Algorithmen testen und weiterentwickeln.
Über das Projekt
„Staatsversagen“, „Desaster“, „Zusammenbruch“ – häufen sich solche Schlagworte, kann das ein Hinweis auf anti-diskursive Desinformation sein. Manipulative Sprachmuster setzen gezielt auf Emotionalisierung statt auf Argumente und erschweren eine differenzierte Auseinandersetzung. Das Forschungsprojekt DeMasKI entwickelt auf Grundlage der rhetorischen Analyse aktueller und antiker Texte eine erklärbare KI, die solche Strategien nachvollziehbar erkennt und als die Ergebnisse als Open-Source-Toolbox für alle zugänglich machen soll.
Alle Infos und Updates zum Projekt: demaski.de